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Wismar (Mecklenburg-Vorpommern) – Er steckte fest, schwamm sich frei und jetzt sitzt er wieder in der Falle, auf einer Sandbank vor Wismar. Millionen Menschen leiden mit dem Wal in der Ostsee, bangen darum, ob er jemals wieder den Weg in den Atlantik findet.
Doch warum berührt uns das Schicksal dieses Wals in der Ostsee so? BILD fragte einen der renommiertesten Kenner der Weltmeere, den berühmten Meer- und Polarforscher Arved Fuchs (72).
Warum alle so großen Anteil am Wal-Schicksal nehmen
BILD: Herr Fuchs, warum bewegt dieser Wal gerade so viele Menschen?
„Ich glaube, Wale sind Sympathieträger. Sie sind derzeit die größten Lebewesen, die auf der Erde leben, und man bekommt sie normalerweise halt nicht zu Gesicht. Und plötzlich ist da einer – ganz nah. Das ist eine Situation, wie wir sie jetzt an der Ostsee erleben, die höchst ungewöhnlich ist, nämlich dass man ein solches Tier unmittelbar zu sehen bekommt. Vor allem aber: Ich glaube, die Menschen leiden mit der Kreatur, die dort auf dieser Sandbank gestrandet ist.“
In der Wismarer Bucht: Der Wal hängt schon wieder fest
Quelle: News528.03.2026
BILD: Viele hoffen, dass der Wal gerettet werden kann. Wie sehen Sie das?
„Wir wissen ja noch gar nicht, ob das funktioniert. Der Wal ist geschwächt, der Weg zurück ist lang. Ob das gelingen wird, wissen wir nicht, weil er unterernährt ist und weil er offensichtlich auch nicht ganz gesund ist. Trotzdem bleibt die Hoffnung. Die Bereitschaft, dort irgendwie zu helfen, das ist so ein bisschen das Prinzip Hoffnung.“
BILD: Sie haben selbst viele Wale erlebt – was macht sie so besonders?
„Also, sie tun wirklich niemandem etwas zuleide. Und sie können überraschen: Sie springen mit ihrem enormen Körpergewicht aus dem Wasser und prallen dann auf die Wasseroberfläche zurück … Das symbolisiert für mich so viel Lebensfreude. Das sind wirklich so friedliche Riesen. Manchmal kommen sie ganz nah. Man kann sogar teilweise Blickkontakt zu ihnen gewinnen. So habe ich es auf meinen Forschungsreisen selbst erlebt.“
BILD: Warum berührt es so, ihn jetzt so zu sehen?
„Man blickt da mit einer Portion Trauer auf ein solches Tier, was dort nun gestrandet ist. Auch, weil es hier nicht hingehört: Die Ostsee ist eben nicht das Revier, wo Buckelwale unterwegs sein sollen.“
Wale leiden unter Geisternetzen im Meer
BILD: Was geht Ihnen persönlich durch den Kopf, wenn Sie die Bilder sehen?
„Ich habe da so ein bisschen ein ambivalentes Verhältnis. Einerseits die große Anteilnahme. Andererseits die Realität: Wale verfangen sich in von Menschen zurückgelassenen Geisternetzen, die vielfach in den Ozeanen für sie zur Falle werden, auch für diesen Wal. Sie werden immer noch gejagt und sie leiden unter den Verschmutzungen der Ozeane und den Folgen des Klimawandels. Und vielleicht steckt in diesem einen Tier mehr: Ich würde mir wünschen, dass dieses Tier auch so ein bisschen eine Botschafterfunktion übernimmt.“

Am Timmendorfer Strand kämpften Retter um das Leben des jungen Wals. Zunächst gelang eine Befreiung
Foto: Henning Schaffner
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Am Ende bleibt vor allem eins: die Hoffnung, dass der Wal es zurück ins offene Meer schafft. „Ich wünsche es ihm, wie so viele Menschen gerade“, sagt Fuchs. Aber: Mittlerweile hat sich der Zustand des Tieres nach Ansicht von Experten deutlich verschlechtert. Das Tier wirke geschwächt und unternehme nach der dritten Strandung keine eigenen Versuche mehr, sich freizuschwimmen, hieß es am Sonntagmittag.